Ich vermeide change.org

tl;dr

change.org ist keine gemeinnützige Organisation, die die Welt besser machen möchte, sondern ein in den USA ansässiges Wirtschaftsunternehmen, das Daten über Menschen und die unterstützten Petitionen in den USA verarbeitet.

Es ist nicht erkennbar, dass Petitionen auf change.org konkrete Einflüsse auf politische und gesellschaftliche Themen hätten.

Ich vermeide es deswegen, Petitionen auf change.org zu zeichnen, egal, wie gut die Absichten hinter einzelnen Petitionen auch sein mögen.

Einführung

Im Laufe der Jahre habe ich viele Anfragen von Freunden und Bekannten bekommen, eine Petition auf change.org zu zeichnen. Die Petitionen waren eigentlich immer für eine gute Sache. Und ich habe mich immer gefreut, dass sich Leute aus meinem Umfeld engagieren und für etwas einsetzen.

Nach einigen Hinweisen habe ich mich aber mal in einer ruhigen Minute mit der Website von change.org beschäftigt. Dieser Post dient dazu, die wesentlichen Ergebnisse dieser Recherche zu teilen.

Keine gemeinnützige Organisation, sondern ein Unternehmen

Firmierung

Auf der Website von change.org findet sich ein Impressum:

Quelle: https://www.change.org/l/de/p/impressum

Bei change.org handelt es sich also nicht um eine klassisch gemeinnützige Organisation, sondern um Delaware public benefit corporation. Der große Unterschied zu einer gemeinnützigen Organisation wie der deutschen gGmbH ist, dass eine PBC erzielte Gewinne an ihre Gesellschafter ausschütten darf! Damit gleicht eine PBC eher einem Wirtschaftsunternehmen.

Change.org gibt übrigens die Adresse einer deutschen Rechtsanwaltsgesellschaft an, deren Adresse aber nur für behördliche Zustellungen in Bezug zum JMStV (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag) und zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG, hier, offensichtlich falsch, als NEA angegeben) verwendet werden soll.

Senior Management Team

Auf der Website finden wir außerdem das Senior Management Team:

Quelle: https://www.change.org/about/team

Das sind 29 Leute, die alle ein Director, VP (Vice President), Chief oder Head of … im Jobtitel führen. Für den interessierten Laien sieht das so aus, dass das ziemlich viele Leute sind, die alle bezahlt werden müssen, um ein Unternehmen zu managen, das eine Plattform bereitstellt, über die “einfach nur” Petitionen initiiert werden können.

Auf Anhieb war mir aber aus keiner Jobbbeschreibung ersichtlich, wer eigentlich die in den Petitionen aufgeworfenen Themen aufnimmt und in irgendeine Richtung weiter treibt. Dazu gleiche mehr.

Ich habe außerdem stichprobenartig die Namen in LinkedIn gesucht: alle wohnen in den USA, was sich mit dem Firmensitz deckt.

Datenschutz

Neben der grundsätzlichen Problematik, dass allgemein personenbezogene Daten von deutschen bzw. EU-Bürgern von change.org in den USA verarbeitet werden, muss hier auf die erhöhte Kritikalität der verarbeiteten Daten hingewiesen werden:
Dadurch, dass man bestimmte Petitionen unterstützt, kann eine politische Gesinnung erkennbar werden. Dieses Problemfeld wurde von der EU erkannt und durch Artikel 9, Absatz 1 DSGVO (Datenschutzgrundverordnung) geregelt.

Die gute Nachricht nach dem Studium der Datenschutzerklärung ist, dass change.org erhobene Daten scheinbar nicht weiterverkauft. Ich hoffe, ich habe hier nichts übersehen, wäre aber für entsprechende Hinweise dankbar…

Geschäftsmodell

Change.org erzielt Gewinne durch ein Abo-Modell und dadurch, dass Petitionen auf der Plattform hervorgehoben präsentiert werden können.

Dazu Spenden, die im Rahmen von Petitionen zusammenkommen. Diese gehen nicht an die Initiatoren, sondern an change.org.

Laut Wikipedia hat change.org Geld übrigens von Investoren erhalten. Das ergibt für die Investoren Sinn, weil es change.org durch ihre Firmierung möglich ist, Gelder an Anteilseigener auszuschütten.

Wie man aus dieser Auflistung erkennen kann, ist das Konzept, dass auf irgendeinem Weg Geld an eine irgendwie geartete Community zurück geht, nicht vorgesehen.

Petitionen

Wenn Sie diesen Text bisher gelesen haben, werden Sie sich wahrscheinlich schon fragen, was denn aber jetzt mit den eigentlichen Petitionen ist. Darum geht es doch eigentlich auf change.org!

Schließlich kann man ja schon auf der Website von change.org lesen:

Veränderung beginnt hier

Wenn man sich für einen Job bei change.org bewerben will, geht das übrigens noch deutlich weiter. Dort heißt es dann nämlich:

Shape the Future of Democracy

Wer darf wann wie zu welchem Zweck Petitionen auf change.org einreichen?

Jeder darf eine Petition einreichen. Die Nutzungsbedingen formulieren Regeln, diese sind aber nicht besonders einschränkend und verweisen eher auf existierende Gesetze.

Was vor allem im Sinne einer funktionierenden Demoktratie nicht gemacht wird, ist die Vorfilterung von eingereichten Petitionen. Das erklärt dann aber natürlich auch, warum Petitionen wie Unterschreiben Sie: Stoppt den Zuwanderungswahnsinn! Keine Flüchtlinge mehr für Deutschland oder Stärkere Grenzkontrollen und sofortige Abschiebung illegaler Flüchtlinge parallel zu Petitionen laufen, die für die Aufnahme von Flüchtlingen sind.

Was passiert mit den Petitionen?

Die spannende Frage ist doch aber: Was “passiert” denn mit den Petitionen auf change.org? Das ist doch der eigentlich zentrale Punkt, schließlich wollten wir uns doch für eine Sache einsetzen und etwas bewirken!

Der Ablauf ist auf change.org wie folgt beschrieben:

Quelle: https://www.change.org/about

Wir schauen uns die Schritte einzeln an:

  • Jede*r kann eine Petition starten
    Menschen und Organisationen auf der ganzen Welt können kostenlos Petitionen starten
    :
    Das bedeutet, dass jeder zu jedem Thema auf change.org eine Petition starten kann. Man könnte die Petition auch über Facebook oder einen eigenen Blog starten, man soll das aber über change.org machen.
  • Petitionsstarter*innen und Unterstützer*innen teilen die Petition in ihren Netzwerken: Das Teilen von Petitionen mit Freund*innen, Familie und anderen Unterstützer*innen bringt mehr Schwung für Ihre Anliegen:
    Das mit dem mehr Schwung ist nett formuliert, in der Praxis wird das aber so ablaufen, dass Petitionen zwar auf change.org online gefunden werden könnten, man wird aber die eigene Petition bei Freunden, Verwandten und Bekannten per E-Mail, Messenger und allgemein Social Media bewerben müssen, damit sie überhaupt wahrgenommen wird. Aktive Unterstützung von change.org ist an dieser Stelle nicht vorgesehen.
  • Die Petition erreicht ein neues Publikum. Medienberichte und Offline-Ereignisse bringen die Petition einem neuen Publikum nahe:
    Wenn die Petition einen Nerv trifft und allgemein Interesse vorhanden ist, sollten die Anstrengungen aus dem letzten Schritt Früchte tragen und die angesprochenen Personen bewerben die Petition in eigener Initiative weiter. Auch dies geschieht aber ohne Mitwirkung von change.org.
  • Entscheidungsträger interagieren. Entscheidungsträger*innen haben die Möglichkeit, auf die Petition zu antworten:
    In der IT gibt es diesen alten Witz, bei dem mehrere Leute vor einem völlig chaotischen Projektplan stehen, bei dem in der Mitte auf einmal ein definierter Schritt für Ordnung sorgt. Dieser Schritt ist mit Hier geschieht ein Wunder beschriftet und scheinbar wird auch hier genau das angenommen: Warum sollten sich Entscheidungsträger*innen melden und/oder auf die Petition antworten? Ich will nicht bestreiten, dass es das schon gegeben hat. Aber die Chance, dass eine Petition, die von einer vier- oder fünfstelligen Zahl von Menschen gezeichnet wurde, wirklich Aufmerksamkeit bekommt, erscheint mir eher gering …
  • Petition als Erfolg erklärt. Millionen von Menschen arbeiten mit Entscheidungsträger*innen zusammen, um auf lokaler, nationaler und globaler Ebene Veränderungen herbeizuführen:
    Auch hier braucht man wohl den Prozessschritt Hier geschieht ein Wunder: Woher kommen die hier genannten Millionen von Menschen? Sicherlich kommen rein rechnerisch bei einer großen Anzahl von weniger erfolgreichen Petitionen über einen gewissen Zeitraum Millionen von Menschen zusammen. Inwieweit diese Summe von Menschen der eigenen Petition in irgendeiner Weise hilft, muss wohl jeder für sich selbst herausfinden ...

Aber gerade der letzte Schritt ist interessant: Wir haben in unserer Petition beispielsweise ein Problem benannt, dass nicht mehr individuell gelöst werden kann, sondern politisch und auf Landes-, besser sogar auf Bundesebene gelöst werden müsste. Wer kümmert sich jetzt aber darum, dass dieses Problem an die entsprechenden Stellen, also Ministerien, Politikern oder die Parlamente herangetragen wird? Theoretisch erfolgt das im letzten Schritt einfach automatisch. Passiert das wirklich? Wird das von change.org unterstützt? Die Antwort ist wohl ein ernüchterndes: Nein.

Ich hatte mir sehr gewünscht, hier zu einem anderen Schluß zu kommen. Aber: weder die Ablaufbeschreibung auf change.org, noch die Aufgabengebiete der 29 Führungskräfte geben in irgendeiner Art und Weise Anlass zur Hoffnung, dass es es anders sein könnte.

Ein sehr ähnliches Modell ist übrigens schon seit langer Zeit bekannt:
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass im Frühstücks- oder Mittagsprogramm im Privatfernsehen manchmal Umfragen gemacht werden? Bei diesen Umfragen kann man eine kostenpflichtige 0137er Rufnummer anrufen, um daran teilzunehmen. Am Ende einer Sendung wird typischerweise ein Ergebnis bekanntgegeben. Was passiert sonst mit diesem Ergebnis? Typischerweise einfach gar nichts. Es handelt sich hier um das gleiche Konzept wie bei change.org, es ist nur anders “verpackt”.

Bewertung

Wie im vorangegangenen Absatz dargestellt, gibt es einfach überhaupt keine Garantie, dass sich jemand mit Einfluß mit einer Petition beschäftigt, selbst wenn diese von einer großen Zahl von Personen gezeichnet wurde. Auch aus diesem Grund werde ich in Zukunft keine Petition mehr auf change.org zeichen. Bedenken bezüglich des Firmenkonstrukts und Datenschutz führen außerdem zu dieser Entscheidung.

Auswege

Was kann man jetzt aber tun, wenn man change.org nicht verwenden möchte, gleichzeitig aber Gehör für ein richtiges und wichtiges Anliegen sucht?

Der Bundestag und das Europaparlament unterhalten entsprechende Plattformen! Diese stehen allen Bürgern offen, die jeweiligen Institutionen müssen sich mit eingereichten Petitionen konkret beschäftigen. Und genau das ist der große Unterschied gegenüber change.org!

Big Brother Award

Nachdem ich das Material für diesen Post zusammengestellt hatte, wurde ich auf die Verleihung des Big Brother Awards an change.org aufmerksam gemacht!

Diese Verleihung war bereits 2016, war mir aber tatsächlich im Rahmen meiner eigenen Suchen mit verschiedenen Suchmaschinen komplett durchs Raster gefallen.

Leider treffen die damals gemachten Aussagen heute nahezu identisch immer noch zu. Zusätzlich kommt heute hinzu, dass change.org zu dem Zeitpunkt der Verleihung des Awards wohl noch ein Büro oder zumindest eine Adresse in Berlin hatte, was jetzt auch nicht mehr der Fall zu sein scheint (kein Verweis mehr auf der Website von change.org, keine Treffer bei der Suche über Google Maps).

Offizielle Plattformen für Petitionen